ReferentInnen und Abstracts


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Joana Faria
Mit Risiken und Nachwirkungen. Reflexionen zum psychoanalytischen Konzept der Nachträglichkeit im Kontext von Bildungsprozessen

In Anschluss an Überlegungen zur Übertragung als notwendige Bedingung von Bildungsprozessen, schließen sich unter Berücksichtigung des Wirkungs- und Legitimationsproblems in pädagogischen Prozessen (vgl. Wimmer 2006), Fragen in Bezug auf „den Eingriff in die Integrität des Anderen“ (Pazzini 2013, S. 123) an. Pazzini (2013) hebt dabei insbesondere das „Zukunftsparadox“ hervor (ebd.). Dennoch müssen sich Pädagogen in diese „Arena“ (Lacan 1973a, S. 67) begeben, die Funktionen, die mit dem symbolischen Platz einhergehen, auskleiden, mit ihrer Person und den vermittelten Inhalten in einer Öffentlichkeit einstehen, das Risiko eingehen, die nächste Generation niemals zielgerichtet auf eine Zukunft, eine Gemeinschaft vorbereiten können, die stets im Kommen ist (vgl. Agamben 2003). Hierbei schließen sich Fragen der Zurechenbarkeit, Autorenschaft und (ethischen) Verantwortung an, die dem „unmöglichen Beruf“ des Lehrers (Freud 1937, S. 388) immanent sind und unter anderem in Bezug auf die Einrichtung des „sozialen Bandes“ (Lacan 1973b) problematisch erscheinen.

Welche Wirkungen die pädagogischen Eingriffe in ein – im Sinne Lacans verstandenen, sich einem Zugriff entziehenden – Subjekts zeitigen, welche bleibenden Eindrücke, Bilder, Bildungen des Unbewussten sich erst nach unabsehbarer Zeit einstellen, wie sich das „Phantasma“ (Lacan 1966b), welches die Wahrnehmung einer Realität strukturiert, durch Bildung(s)-Vor-Bilder(n) ver-andert, soll im Rahmen dieses Beitrags am psychoanalytischen Konzept der Nachträglichkeit (vgl. Pazzini 2008, Lacan 1966a) ausschnitthaft nachgezeichnet werden.

Joana Faria, 2006‐2014 Studium der Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg, Schwerpunkte Bildungsphilosophie und Psychoanalyse, Magisterarbeit zum Thema „Jenseits des Spiegels. Psychoanalytische und ästhetische Reflexionen zur Genese und Bildung des Subjekts“; seit 2012 Mitglied der Hamburger Forschungsgruppe für Psychoanalyse (HaFPa); seit 2014 wissenschaftliche Mitarbeiterin in der BMBF‐Nachwuchsgruppe StuFHe („Studierfähigkeit – institutionelle Förderung und studienrelevante Heterogenität“) an der Universität Hamburg; Promotionsprojekt zum Thema „Figurationen und audiovisuelle Inszenierungen von Lehrpersonen in Spielfilmen“ (Arbeitstitel)

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Susanne Gottlob
»Schlitterlogik« – eine Geste von Außen

»Z.B. wenn eine Türe in der Zugluft knarrt, so ruft dieser Reiz beim Wilden oder beim Kinde das Angstgefühl hervor: der Hund knurrt.« Aby Warburg

Versuch, im freien Fall, etwas, auszugsweise, von der Bildkraft des Denkens, somit der Worte und ihren Verschlingungen von Aby Warburg, dem Kulturwissenschaftler, Psychohistoriker und Konstrukteur, wahrzunehmen.

»Vor dem Kampf mit dem Monstrum als Keimzelle der logischen Konstruktion« liegt Magie, in einem Augenblick: es knurrt, schreibt, schreit, tanzt, kämpft und bezaubert. Im Bann der Ellipse ‒

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Johannes Hedinger
“Ich poste, also bin ich.” (zum Umgang mit Bildern im Zeitalter von Social Media)

Seit ein paar Wochen ist auch meine Mutter (70) auf Facebook.
Ich bin einer von 3 Freunden.
Letzte Woche bekam ich dann ganz einen beunruhigten Anruf von ihr:
was denn los sei… – sie hätte schon so lange nichts mehr von mir gehört.
(dabei haben wir erst vor ca. 10 Tagen miteinander telefoniert)
Der Grund für ihre Sorge:
seit 5 Tagen sei kein Foto mehr auf Facebook erschienen.

Johannes M. Hedinger (* 1971) ist Künstler, Kurator, Kunstwissenschaftler, Filmemacher, Publizist und Dozent. Hedinger studierte Bildende Kunst an der Zürcher Hochschule der Künste sowie an der University of California Los Angeles UCLA. Zweitstudium der Kunstgeschichte, Filmwissenschaft und Germanistik an der Universität Zürich, der Cultural Studies an der Humboldt Universität Berlin sowie ein Nachdiplomstudien in Strategischem Marketing an der Universität der Künste Berlin und Doktorstudien an der Faculté des Lettres der Universität Lausanne. Johannes Hedinger lehrt an der Zürcher Hochschule der Künste und an der Universität zu Köln. Sein künstlerisches Werk wird insbesondere als Teil von Com&Com international gezeigt (9 Biennalen, u.a. Biennale Venedig). Zu den bekanntesten Werken zählen Mocmoc (2003-08), Bloch (seit 2011) und Point de Suisse (seit 2014).

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Silvia Henke
Eine Erfahrung im Modus der Bildhaftigkeit

Ich habe die Lehrweise von K.-J. Pazzini kennengelernt, als ich ihn 2007 in unser Dozierendenteam an der Kunsthochschule Luzern für eine 2-tägige Weiterbildung einladen konnte. Unsere Frage damals war: Wie vermitteln wir Theorie als Schwester oder Bestandteil der Kunst, welche die Studierenden ein- und ausüben? Was tun angesichts einer eingesessenen Dichotomie, nämlich jener von Theorie & Praxis? Ein Höhepunkt dieser zwei Tage damals war das Lehrbeispiel „Lasso“ von Sala Tykkä, einer Videoarbeit, die Pazzini langsam herangezoomt und dann überraschend eingebracht hat für die Frage, was Kunst uns lehrt – als Drittes, zwischen Lehrperson und Studierenden.

Ich möchte in meinem Kurzreferat zurückkehren zu Pazzinis Text „Lasso“ (2004) und meiner eigenen Lehrerfahrung damals und ihrer Fortsetzung folgen – einer Erfahrung im Modus der Bildhaftigkeit, bei der es gewissermassen um Leben und Tod ging.

Silvia Henke, Literatur- und Kulturwissenschaftlerin, Publizistin, seit 2002 Professorin für Kulturtheorie an der Hochschule Luzern Design & Kunst ,Leitung der Abteilung Theorie. Aktuelle Forschungsschwerpunkte: Kunst und Religion, Aesthetische Bildung zwischen Kulturen. Relevante Publikationen 2012-2015: „Wer’s glaubt. Figuren der Erlösung in künstlerischen Arbeiten der Gegenwart“. In: Rettung und Erlösung. Politisches und religiöses Heil in der Moderne,, hg. v. Johannes Lehman und Hubert Thüring, München: Wilhelm Fink Verlag 2015, S.
195-212; Was heisst künstlerisches Denken? Kunstpädagogische Positionen 33, Hamburg 2014; »Fluktuierende Uneindeutigkeit«. Ironie, Witz und Komik bei und nach Wilhelm
Genazino, in: Der Witz der Philologie, hrsg. v. F. Christen, T. Forrer, M. Stingelin und H. Thüring. Festschrift für Wolfram Groddeck, Basel/Frankfurt/M.: Ed. Voldemeer 2014; Noli me tangere. Gleichnis, Erzählung und die Frage des Glaubens im Kunstunterricht. In: Henke Silvia, Spalinger NIka, Zürcher Isabel, Kunst und Religion im Zeitalter des Postsäkularen. Bielefeld: transcript 2012, S. 119-136.

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Notburga Karl, Evelyn May
PPP

Sowohl inhaltlich als auch materiell sind einzelne Passagen der Veröffentlichung Pazzinis, etwa in den Kapiteln „Zeigestöcke“ und „Einfallende Bilder“, Ausgangspunkt einer bildtheoretischen Auseinandersetzung zwischen Wort und Darstellung. Um die Reichweite von Sagen und Zeigen unter „Rücksicht auf Darstellbarkeit“ auszuloten, bedarf es entsprechender Buch-Umgangsformen, die wir in der Präsentation vorstellen. Dazu konzentrieren wir uns auf die Bildmaterialien des neu erschienenen Bandes, die das performative Potential des Vortragens kontrastieren. Worte und Bilder werden gegeneinander gesetzt, um sich wechselseitig zu ergänzen und zugleich zu stören. Performativ arbeiten wir an den Rändern dessen, was Sagen und Zeigen vermögen, um Löchrigkeiten zwischen Sprache und Bildern nachzugehen.
Dem Nichtsagbaren wird vornehmlich zeigend nachgegangen, dem Nichtzeigbaren wird mittels Sprache nachgespürt.

Notburga Karl studierte  Kunstpädagogik an der Akademie der Bildenden Künste München sowie Freie Kunst an der Kunsthochschule Düsseldorf und der School of Visual Arts in New York. Aktuell promoviert sie zur Rolle des Bildhaften im Werk von Joan Jonas, Performancekünstlern, New York. In ihrer Funktion als künstlerisch-wissenschaftliche Mitarbeiterin der Kunstdidaktik der Universität Bamberg arbeitet sie als Entwicklungs- und Instandhaltungsarbeiterin an der Schnittstelle von Kunst und Pädagogik. Im Moment scheitert sie noch daran, ihren Körper zu vergeistigen.

Evelyn May ist Doktorandin bei Prof. Dr. Andrea Sabisch/ Universität Hamburg. In ihrem Promotionsvorhaben beleuchtet sie Vorstellungen über Partizipation und Verhältnisse zwischen Bild und Wissen.
Sie hat u.a. Kunstpädagogik (Sek I/II) an der Universität Dortmund studiert, in Berlin das Referendariat absolviert und war in Hamburg als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich ‘Ästhetische Bildung/ Kunstdidaktik’ tätig. Aktuell lehrt sie an der Universität zu Köln im Institut für Kunst und Kunsttheorie im Bereich ‘Ästhetische Erziehung’.

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Keike Mendt
Zwischenräumlicher Seh- und Denkversuch

Ausgehend von einer praktischen Arbeit, die um die Zwischenräume zwischen Bildern kreist, geht es
um erste Überlegungen in Richtung eines Bildungsbegriffs, der von der Eigenlogik der Bilder und vor allem auch von den Bildzwischenräumen bzw. Zwischenräumen im allgemeinen her gedacht wird. Aus lückenhaften visuellen Kombinationen ergibt sich zunächst eine Art des Sehens in Zwischenräumen – wobei in den Lücken des einzelnen Bildes, sowie im Zwischenraum zwischen den kombinierten Bildern bzw. zwischen Bild und Subjekt oder innerhalb des betrachtenden Subjektes etwas gebildet werden muss. Trotzdem wird auch ein wagemutig konstruierter Sinn fragwürdig bleiben, immer neue Fragen bzw. Faltungen aufwerfen.
Diese Falten, das Nicht-Verfugbare, die Fugen, die Zwischenräume, Spalte und Risse sorgen immer wieder für Überraschungen, Verwunderung und Staunen, wodurch ein verändertes Sehen und Denken in Gang kommen kann. Etwas Unverfugbares, bzw. ein Widerfahrnis, ruft eine Störung in der bis dahin glatt verfugten Oberfläche des herrschenden Ordnungssystems hervor. Etwas oder auch man selbst wird entsetzt. In dem entstandenen Zwischenraum werden unaussprechliche, über die Grenzen der Sprache und des Denkens hinausgehende Zusammenhänge gebildet, mit denen das Bild oder auch Subjekt über sich selbst und das bis dahin Sicht- und Denkbare hinauswächst.
Die unterschiedlichsten Zwischenräume sind dabei als Leerstelle, Spalt oder Riss der Platz, an dem etwas gebildet wird. Der Zwischenraum wird durch einen Vernähungsprozess vorläufig geschlossen, provisorisch gesichert, so dass die betroffenen Bilder bzw. Subjekte jeweils eine Veränderung erfahren. Daraus ergibt sich ein unendlicher Prozess des Lücken-Stopfens, ein Vernähungsprozess inklusive geplatzter Nähte, ein Bildungsprozess im bzw. um Zwischenräume herum. Eine Offenheit gegenüber Überraschungen, Störungen und Wundern bzw. eine Aufmerksamkeit hinsichtlich Zwischenräumen „macht Sinn“.

Keike Mendt (* 1975), bis 04/2015 Studium der Fächer Bildende Kunst, Politikwissenschaft und Erziehungswissenschaft an der HFBK Hamburg und der Uni Hamburg, Gutachter_in der Examensarbeit: Karl-Josef Pazzini und Andrea Sabisch; 2000-2004 studentische Hilfskraft im Multimediastudio, Fakultät fur Erziehungswissenschaft, Uni Hamburg; seit 2008 freie kunstlerische Kurse fur Menschen ab 4 Jahren; seit 2011 selbstständige Mitarbeit im Kinderatelier Wedel

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Torsten Meyer

The Pazzini State of Mind 

Als ich Karl-Josef Pazzini Anfang der 1990er Jahre kennenlernte, waren die „Neuen Medien“ noch neu und an den Hochschulen ging ein Gespenst um – das Gespenst der „Postmoderne“. Nicht wenige Akteure in Schule und Hochschule begegneten den „Neuen Medien“ und ebenso diesem anderen Gespenst gegenüber mit einer eher ignoranten Haltung: „Ich mach einfach kurz die Augen zu bis dieser Hype vorbei ist und dann mach ich sie wieder auf und alles geht wieder seinen gewohnten Gang.“

Inzwischen gibt es eine Generation von Menschen, die mit dem, was wir nur manchmal noch „Neue Medien“ nennen, groß geworden ist. Das Attribut „neu“ sagt ihnen im Zusammenhang mit den Dingen, die sie täglich umgeben, nichts mehr. Sie sind Eingeborene der digitalen Medienkulturen. Zurzeit sind sie dabei, unter dem Label Post-Internet Art die Gewohnheiten des Kunstsystems durcheinanderzubringen.
 „All diese Ideen, die vor noch gar nicht langer Zeit neu und radikal waren, sind für diese Künstler schon längst zu einer Art zweiter Natur geworden“, beschreibt der Kurator Carson Chan diese Generation, „Die Kunst, die dabei produziert wird, ist nicht notwendigerweise ‚für’ das Internet oder online gemacht, aber automatisch mit einer Art Internet State of Mind.“

So ähnlich ist vielleicht der Umgang mit den Ideen, die Karl-Josef Pazzini unter dem Label Kunst Pädagogik Psychoanalyse in die kunstpädagogische Community eingeschleppt hat. Die einen machten kurz die Augen zu und warten bis diese „Postmoderne“ und dieser „Poststrukturalismus“ wieder vorbei sind. Die anderen machen mit großer Selbstverständlichkeit und ohne die Gründe dieser Bedingungen als solche noch zu thematisieren eine auf schwankenden Fundamenten, kleinen Erzählungen und den uneingelösten Momenten des Subjekts in der Moderne fußende Kunstpädagogik mit so einer Art Pazzini State of Mind.

Torsten Meyer (*1965), Professor für Kunst und ihre Didaktik, Schwerpunkt aktuelle Medienkultur an der Universität zu Köln. Studium der Erziehungswissenschaft, Soziologie, Philosophie und Kunst an der Universität Lüneburg, Universität Hamburg und Hochschule für Bildende Künste Hamburg. DFG-Graduiertenkolleg »Ästhetische Bildung«, Universität Hamburg, Promotion zum Thema »Interfaces, Medien, Bildung« bei Karl-Josef Pazzini. Arbeitsschwerpunkte: Next Art Education, Globalisierung & Digitalisation, pädagogische Medientheorie, Schul- und Hochschulentwicklung im Horizont grundsätzlich veränderter Medienkultur. Zahlreiche Vorträge und Veröffentlichungen im Kontext Kunst Medien Bildung, zuletzt: Sujet Supposé Savoir (2010), Shift. #Globalisierung #Medienkulturen #Aktuelle Kunst (2012), Next Art Education (2013), What’s Next? Kunst nach der Krise (2013), Subjekt Medium Bildung (2014), What’s Next? Bd. II Art Education (2015). http://medialogy.de

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Karl-Josef Pazzini
Bildung vor Bildern. Pornographie als Bilddidaktik

In der Schule kann man z.B. lernen, wie es gemacht werden soll, wie es früher gemacht wurde, wie es die anderen machen.
Das Lernen soll realitätsnah und anschaulich sein. Bilder sollen auf ihre Wirkung hin untersucht und produziert werden. Kunst erscheint einigen dabei zu kompliziert und elitär.
Es gibt aber auch Unterschiede zur Pornographie.
Lacan behauptet, dass es keine sexuelle Beziehung, keinen Geschlechtsverkehr gebe. Die Pornographie zeigt all das, was es nicht gibt. Sie entspricht der Forderung nach Anschaulichkeit und pflegt eine Ontologie ohne ein Konzept von Übertragung. Sie ist einfach ideal.

Karl-Josef Pazzini (*1950) studierte Philosophie, Theologie, Erziehungswissenschaft, Mathematik, Kunstpädagogik und arbeitet als Psychoanalytiker in Berlin und noch in Hamburg. Er war von 1993 bis 2014 Professor für Bildende Kunst und Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg. Arbeitsschwerpunkte sind Bildung vor Bildern, Psychoanalyse & Lehren, Unschuld der Kinder, Schuld, psychoanalytisches Konzept der Übertragung. http://mms.uni-hamburg.de/blogs/pazzinihttp://www.pazzini-psychoanalyse.de/http://psybi-berlin.de/

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Rahel Puffert
Vom Bild gelassen den Raum betreten. Kunst und Pädagogik: Verschränkt oder gekreuzt?

Ausgehend von ›Bilder und Bildung‹, dieser grundlegenden Schrift über das Denken von Kreuzungen zwischen Kunst, Pädagogik und Psychoanalyse, betrachte ich in einer Bewegung zurück nach vorn meine Dissertation ›Die Kunst und ihre Folgen‹. Diese Bewegung versteht sich dekonstruktiv zu ihrem Ausgangpunkt – der intensiven Auseinandersetzung mit Pazzinis Denkmustern – es wird nach den anziehenden, ebenso wie nach den Abstoß liefernden Aspekten der kunstpädagogischen Theoriebildung gefragt. Beim nachträglichen Überdenken des bisher Geschriebenen herausfinden, was ausgelassen ist oder nachzutragen ansteht.
›Die Kunst und ihre Folgen‹ stellt den Geschichten der Kunstpädagogik eine Genealogie der Kunstvermittlung zur Seite. Zusammengestellt und untersucht werden künstlerische Einsätze des 20. Jahrhunderts, die sich der Vermittlungsproblematik dezidiert stellen.
Den Einstieg liefert ein Bild, genauer ein ›Proun‹ von El Lissitzky, auch bezeichnet als ›Umsteigestation von der Malerei zu Architektur‹. Als Perzept verstanden macht es wahrnehmbar von Pazzini zum Zusammenhang von Zentralperspektive und pädagogischer Feststellung des Individuums konzeptualisiert wurde.
Pazzinis Überlegungen nehmen Bilder zum Ausgangspunkt Sinne oder kehren zu ihnen zurück. Hier setzt meine Abwendung an. Lissitzkys Proun steht für den Versuch, mit den Mitteln des Bildes, das Bild Bild sein zu lassen und in den Raum der Wahrnehmung des »hier und jetzt« zu treten.

  • Als Handlungsraum, in dem man auf Wissen und Erfahrungen zurückgreifen kann, die durch laborhafte künstlerische Gestaltung hervorgebracht wurde.
  • Als Raum, in dem lange Zeit in die Unsichtbarkeit und Unerhörtheit gedrängte Tätigkeiten sich vorsichtig bemerkbar machen.
  • Oder als Raum, in dem Kunst und Pädagogik niemals als getrennte Perspektiven auftauchen, sondern als auf unterschiedliche Weise verschränkte Weisen der Wahrnehmung erfahrbar sind, die mal im Konflikt stehen und zuweilen durchaus harmonische Beziehungen pflegen.

Dr. Rahel Puffert, Hamburg, ist derzeit Vertretungsprofessorin am Institut für Kunst und visuelle Kultur (Kunst – Vermittlung – Bildung) der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Seit 2013 gehört sie zur künstlerischen Leitung des »Werkhaus Münzviertel. Modellprojekt zur Verschränkung von Pädagogik, Kunst & Quartiersarbeit« in Hamburg, an dessen Konzeption und Gründung sie seit 2004 beteiligt war. Als freie Kunstvermittllerin war sie u.a. tätig für den Kunstverein Springhornhof Neuenkirchen und die Städtische Galerie Nordhorn. Vorzugsweise arbeitet sie in Kollektiven wie den Künstlergruppen »target: autonopop«, Archiv »Kultur & Soziale Bewegung«, FRONTBILDUNG. und war Mitbegründerin und Redakteurin von THE THING Hamburg. Plattform für Kunst & Kritik 2006-09.
Schwerpunkte ihrer Veröffentlichungen: Soziale Funktionen von Kunst, Medialität von (Kunst)Geschichte, Kunst im öffentlichen Raum, Kunst und Schule.
Ihre Dissertation „Die Kunst und ihre Folgen. Zur Genealogie der Kunstvermittlung“ erschien 2013 im Transcript Verlag.

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Andrea Sabisch
Zwischen Bild und Betrachter

Die komplexen Relationen und Interaktionen zwischen Bild und Betrachter, die Karl-Josef Pazzini in vielen Schriften umkreist, lassen sich nicht im Sinne von Subjekt-Objektgegenüberstellungen denken. Vielmehr geraten solche Aspekte in den Blick, die das wechselseitige Bedingungsgefüge von Bild- und Subjektbildung hervorheben und rahmen. Von der zentralperspektivischen Formierung des Subjekts hin zu deren »Abspaltungsprodukten«, die in der Psychoanalyse thematisch werden (Pazzini: Bilder und Bildung, S. 64), kommt den Bildern eine spezifische Erkenntnisgenerierung zu. Aber welcher Weg führt von den singulären Bildern der Kunst zu einem Allgemeinen? Inwiefern werden Bilder relevant für Bildungsprozesse? Was für ein Bildbegriff liegt hier zu Grunde?

Andrea Sabisch, (*1970), Professorin für Erziehungswissenschaft, Schwerpunkt Visuelle Bildung und Kunstpädagogik an der Universität Hamburg. Studium der Erziehungswissenschaft, Anglistik, Germanistik an der Universität Göttingen sowie den Fächer Kunst, Musik und Deutsch an der Universität Flensburg. Wissenschaftliche Assistentin an der Universität Dortmund. 2006 Promotion zum Thema »Inszenierung der Suche – Aufzeichnungen als Grafien ästhetischer Erfahrung«. Vertretungsprofessorin an der Universität Oldenburg. Arbeitsschwerpunkte: Visuelle Bildung, Bild- und Bildungstheorie, Phänomenologie, Kunstpädagogik. Zahlreiche Vorträge und Veröffentlichungen im Kontext Kunst, Medien und Bildung, zuletzt: Fragwürdiges Bilderbuch. Blickwechsel – Denkspiele – Bildungspotenziale. München 2013; Das Unverfügbare. Wunder, Wissen, Bildung 2013; revisit. Kunstpädagogische Handlungsfelder. München 2012. www.andrea-sabisch.de

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Ulrich Schötker
Über das Akademisch-Subtile in der Schulpädagogik

Der Streit, wie praxisnah oder -fern sich die akademische Lehre verhalten darf, ist nicht aufzulösen. Gut begründet ist gerade in der Lehrerausbildung eine gewisse Praxisferne, um Anderes und Neues überhaupt zuzulassen. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und Abiturienten, die sich sofort wieder in einer studentischen Schulpraxis wiederfinden, wären gezwungen unreflektiert ihre Schulerfahrung zu reproduzieren. Kann sich das aber umkehren? Zum Beispiel wenn die Universität überraschend “verschult” daher kommt und zudem sich die “akademische Lehre” durch neue Schulformen, mit denen sie keine Erfahrung hat, irritiert sieht?

Ulrich Schötker (*1971), Kunstpädagoge / Kunstvermittler;  Lehrer an der Erich-Kästner-Schule, Hamburg seit 2008, seit 2014 in Funktion des Kulturbeauftragten der EKS, Fachleitung Kunst an der EKS; Teilnahme am Pilotjahrgang für die Einführung eines neuen Lernkonzepts sowie 6-jährige Tutorschaft einer Klasse an der EKS 2008-2014; verschiedenste Tätigkeiten in Bereich der Kunst- und Kulturvermittlung (u.a. Liquidación Total, Madrid 2002-2008;Ausstellung und Tagung WALDEN #3, Rathausgalerie München, 2009 und Kunsthaus Dresden, 2006; Leitung der Abteilung Vermittlung auf der documenta 12, 2007; Mitarbeit und Konzept für die Vermittlung der Busan Biennale, 2012, Busan, Südkorea; Konzept und Durchführung des Pasch-Camp Villa General Belgrano, Argentinien, 2014; Umetzung des Projekts “Kulturagenten für kreative Schulen” an der EKS, Hamburg 2011-2015; BMBF-Projekt “Mobile Welten / Die Migration der Dinge in transkulturellen Gesellschaften, Start Okt. 2015 (u.a. zusammen mit dem Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg und dem Johann Jacobs Museum, Zürich))

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Eva Sturm
und weiter: weil sie ohne die schwarzen nicht wissen, wer sie sind

Der Text ist die Darstellung des Versuches, anhand eigener Lehre (die in hohem Maß Vorbildern geschuldet ist) zu beobachten, wie ein Forschungsgegenstand an die Grenzen bringen kann. Dies wird in Schulen unserer Migrationsgesellschaft höchst brisant. Sprache und Bilder stellen Fallen. Die Hoffnung lautet, dass man dennoch zum Beispiel mit Hilfe von Kunst handlungsfähig bleiben kann.

Prof. Dr. Eva Sturm, Kunstpädagogin, Museumspädagogin, Germanistin. Viele Jahre Kunstvermittlerin in Theorie und Praxis. Verschiedene Gastprofessuren, Mitarbeiterin von Prof. Dr. K.-J. Pazzini, zuletzt Professur für ›Kunst-Vermittlung-Bildung‹ an der C.v.O. Universität Oldenburg. Div. Buchpublikationen, u.a. »Im Engpass der Worte«, »Von Kunst aus. Kunstvermittlung mit Gilles Deleuze.«

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Tanja Wetzel, Ute Vorkoeper
Über zerstörte, fehlende und zu-hörende Bilder

Ausgangspunkt
Eines der von K-J Pazzini oft zitierten Bilder zeigt ein Kamerateam bei der Aufnahme eines entwendeten Bildes. Im Bild fehlt das Bild. Abgebildet wird die Aufnahme der Leerstelle. Ausgehend und zurückgehend auf dieses Motiv entwickeln wir einige Gedanken über das fehlende, das zerstörte, vernichtete, das verschwundene oder zukünftige, das angehende, das unmögliche Bild – erweitert um die hörbare, sprechende Dimension.

Zerstörte Ikonen, Ute Vorkoeper

Mit der Durchsetzung des Internets kollidiert die religiös begründete Bildverweigerung und -vernichtung mit dem Bildexzess auf paradoxe Weise. Treffendstes Beispiel dafür sind die Fotografien der Buddha-Statuen von Bamiyan vor und nach der Sprengung durch Taliban im Jahr 2001: Beide Versionen kursieren unendlich vervielfältigt im Netz. Doch hinter ihrer realen Vernichtung und medialen Vervielfachung ist etwas grundlegend verschwunden: Nicht das Bild fehlt, sondern das Bild als ikonisches, d.h. als ansehendes und dauerndes Bild fehlt. Ich möchte an die neben Idolatrie und Ikonoklasmus entfaltete Geschichte der Ikone, d.h. das Konzept eines wiederholbaren, wahren Bildes erinnern und über die vergangene wie gegenwärtige Unmöglichkeit des mit der Ikone angenommenen, anderen (göttlichen) Blicks in die Welt und seine Wirkungen nachdenken. Parallel zur Ikone ist auch der bloße Gedanke an das sprechende oder wahre Wort (das Wort Gottes) im medialen Gerede und im Gebrüll der Ideologen unmöglich geworden. Die Frage bleibt, ob es noch Formen der Zerstörung und Vernichtung von Bildern und Sprache gibt, die derartige Nicht-Ikonen / Nicht-Worte hervorbringen, die wirken, d.h. die einen (temporären) Austritt aus der Welt erzwingen, eine eigentlich unmögliche Öffnung in die Bilderhülle der Welt reißen und ihre Betrachter / Zuhörer auf etwas Unbekanntes und Unerwartetes stoßen.

Der Krieg als Bild – im Paradox von Entzug und Aufdringlichkeit, Tanja Wetzel
Bilder von Krieg und Gewalt waren bis zur Durchsetzung des Internets ein noch kontrolliertes, weil vermeintlich kontrollierbares Gut. Für die Berichterstattung bei Nachrichtensendern wie dem CNN galt, dass bei Kriegshandlungen keine Bilder von Verletzten oder gar von Toten gezeigt werden durften. Man wusste und weiß um die Wirksamkeit dieser Bilder und ihre suggestive Kraft, die sich nur schwer kontrollieren lässt.
Mit der Verbreitung mobiler Kameras (vor allem den Handykameras) sowie den neuen Distributionsmöglichkeiten durch das Internet, sind Bilder vom Krieg massenhaft und für jeden abrufbar. Die Frage bleibt, ob das, was Krieg und Gewalt als Zumutung für die Vorstellungskraft und vor allem für unsere Erfahrung bedeutet, nun besser bzw. adäquat zur Darstellung kommt? Was heißt überhaupt Adäquanz in Bezug auf die Darstellung von Krieg und Gewalt?
Die Filmemacherin Birgit Hein hat 2013 über einhundert Clips des Arabischen Frühlings aus youtube heruntergeladen und filmisch bearbeitet. Sie hat aus dem ursprünglichen Material jene Sequenzen ausgewählt, in denen kaum etwas zu erkennen ist, weil die Kamera auf den Boden fällt oder der Filmende mit ihr in der Hand rennt. Durch das Fragmentarische dieser Bilder gewinnt der ebenfalls zerstückelte Originalton eine besondere Zudringlichkeit.

Der Betrachter, der um die Herkunft des ursprünglichen Materials weiß, wird mit dem Thema Gewalt auf drei unterschiedlichen Ebenen konfrontiert:
– Gewalt gegenüber den Opfern, die das ursprüngliche Material dokumentiert.
– Gewalt gegenüber Bildern, die nunmehr als zerrissenes, fragmentiertes, verwischtes Material präsentiert werden.
– Gewalt gegenüber dem Betrachter, der sich zu dem, was er sieht und vor allem was er hört, kaum mehr in eine (kritische) Distanz setzen kann.
Es stellt sich die Frage, was die ästhetische Bearbeitung eines politischen Problems leistet oder leisten kann: Soll sie aufklären, wachrütteln oder wird sie selbst zum Teil des Problems?

Tanja Wetzel, Studium der Philosophie, Bildenden Kunst, sowie Kunst und Sozialkunde für das Lehramt an Gymnasien in Berlin und Kassel. Referendariat, 2003 Promotion zum Thema „Geregelte Grenzüberschreitung. Das Spiel in der Ästhetischen Bildung“ im Rahmen des Graduiertenkollegs „Ästhetische Bildung“ an Universität Hamburg. Lehraufträge in Frankfurt, Kassel, Vechta. 2001-05 Kunstlehrerin an einem Gymnasium in Bad Homburg. Seit 2005 Professur für Kunstpädagogik an der Kunsthochschule Kassel. Aktuelle Publikationen: Wetzel, Tanja, Sabine Lenk: Mit Ecken und Kanten. Kunstunterricht als eine Frage der Haltung, München 2013 sowie dies.: Kunstpädagogische Kompetenz braucht eine Haltung. Was macht eine „gute“ Kunstlehrerin, einen „guten“ Kunstlehrer aus?, in: zkmb – online.Zeitschrift Kunst Medien Bildung, Text im Diskurs, 2014, www.zkmb.de/index.php?id=182; Wetzel, Tanja (mit Kaulfers et al.: „Symmetrie geht für mich gar nicht. Welche Vorstellungen leiten uns, wenn wir beratend in ästhetische Prozesse von Schülern im Kunstunterricht eingreifen? (erscheint Salzburg 2015).

Ute Vorkoeper, Hamburg. Kuratorin, Autorin, Künstlerin; Gründung des Labels missing icons mit Andrea Knobloch (2015); Gründung Stadt Kunst Gesellschaft e.V. (2012); Künstlerische Leitung Akademie einer anderen Stadt, Kunstplattform der Internationalen Bauausstellung Hamburg (2009-2011); Gastprofessur, Kunsthochschule Berlin Weißensee (2007-2009), Künstlerische Leitung Hochschulmodellversuch transmedien, HfbK Hamburg (2001-2004); HSP III Forschungsstipendium (1998-2001); Promotion (1997); Betreuung Nachlass Anna Oppermann (seit 1993); Mitglied im Künstlerhaus Dortmund (1988-1993); Studium Kunst und Deutsch, Lehramt Sek. II, Universität Dortmund (1982-1990); Publikationen zu zeitgenössischer Kunst, u.a.: Kunst einer anderen Stadt. Ute Vorkoeper / Andrea Knobloch (Hg.). Berlin, 2012; Anna Oppermann. Ensembles 1968-1993. Ostfildern-Ruit, 2007; Hybride Dialoge – Kunstausbildung in der Medienkultur. BLK Bildungsplanung und Forschungsförderung. Heft 125, Bonn 2005.

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Ole Wollberg
Bildungen des Ungewussten. Über Nachträglichkeit und implizites Wissen

Bildungsprozesse lassen sich im Sinne Rainer Kokemohrs als »Transformationen von Welt- und Selbstverhältnissen« beschreiben. Diverse Aspekte der Bildung vor Bildern handeln von Wirkungen, die ebensolche Transformationen zu initiieren vermögen. Das Wirken selbst, so betont Karl-Josef Pazzini in verschiedenen Kontexten, wird allenfalls nachträglich über seine Folgen erfahrbar. Ein solches Modell der Nachträglichkeit widerspricht einer oftmals unterstellten linearen zeitlichen Logik von Bildungsprozessen. Es negiert sowohl ihre Intendierbarkeit als auch ihre vollkommene Nachvollziehbarkeit. Bildung ist dementsprechend in ihren konkreten individuellen Verläufen unberechenbar. Dennoch gibt es ein subjektives, non-verbalisierbares Wissen über bildende Transformationen und ihre Inhalte. – Das Konzept des impliziten oder stillen Wissens (in Anlehnung an Michael Polanyi) verhält sich in dieser Hinsicht analog zur Nachträglichkeit der Bildung: Tacit knowing (›stilles Wissen‹) geht bildenden Prozessen voraus und zugleich aus ihnen neu oder verändert hervor. Doch erst in Darstellungen wird es mittelbar erfahr- und wahrnehmbar. Verstehen wir Bildung als Bildwerdung (vgl. Vortrag von Andrea Sabisch), kann anhand von ästhetischen Praktiken eine Struktur skizziert werden, die jener der Bildung ähnelt: die Struktur einer Aktualisierung impliziten Wissens in bildnerischem Handeln und Wahrnehmen.

Ole Wollberg (*1988), bis 2013 Studium der Erziehungswissenschaft, Kunst, Romanistik an der Universität Hamburg und Hochschule für bildende Künste Hamburg; seit 2014 Promotionsstipendiat an der Fakultät für Erziehungswissenschaft an der UHH; dort Mitarbeit und Lehrbeauftragter (ab WiSe 15/16) im fachbereichsübergreifenden Arbeitsbereich „Forschungs- und Le[ ]rstelle – Kunstpädagogik und Visuelle Bildung“; seit 2012 Lehraufträge im Fach Kunst an verschiedenen Hamburger Gymnasien. Arbeitsschwerpunkte: Tacit Knowing, Kompetenzbegriff in der Kunstpädagogik, Präsenz und (Re)Präsentation.

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Gereon Wulftange
„Denn er wollte mich vielleicht fressen.“ Andeutungen zu Aggressivität und Begehren zwischen den Generationen.

Löwe_Vater_Janosch_digital

Im Zentrum meines Kurzbeitrags steht, wie könnte es anders sein, ein Bild. Es handelt sich um eine Art Karikatur des Kinderbuchautoren Janosch. Es enthält eine Zeichnung und einen kurzen Text.
Auf dieses Bild hatte mich Karl-Josef Pazzini einmal vor Jahren hingewiesen. Schmunzelnd, ansonsten aber kommentarlos. Ich musste auch schmunzeln. Im Rahmen der Tagung möchte ich nun einen Kommentar zu diesem Bild formulieren. Denn beim näheren Hinsehen bin ich zu der Einschätzung gelangt, dass diese Bild-Text-Kombination einige bemerkenswerte Details enthält, die das Nachdenken über das Verhältnis zwischen den Generationen anregen können. Diese Einschätzung will ich entfalten: Das Bild eröffnet zum Beispiel Perspektiven auf die Struktur des Begehrens zwischen Vätern und Söhnen, bringt eine möglicherweise konstitutive und produktive Aggressivität zwischen ihnen in den Blick und regt Entwürfe für einen möglichen Umgang mit dieser Aggressivität an. In meinem Kurzbeitrag soll es darum gehen, diese Zeichnung und den dazugehörigen Text zu interpretieren und aus einer psychoanalytisch angeregten Perspektive zu beleuchten, um Vermutungen und Fragen hinsichtlich des Verhältnisses zwischen den Generationen zu skizzieren und anzuregen.

Wulftange, Gereon, Dr. phil., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der allgemeinen Erziehungswissenschaft, am Arbeitsbereich Bildungs- und Transformationsforschung an der Universität Hamburg. Arbeitsschwerpunkte: Bildungstheorie, empirische Bildungsforschung, Psychoanalyse, Interkulturalität.

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Manuel Zahn
Bildschirme. Zum Phantasma in der aktuellen Medienkultur

Bildschirme und -maschinen gibt es dieser Tage so viele wie noch nie zuvor auf der Welt. Über sie verteilt sich unablässig ein Strom symbolisch-imaginärer Informationen und Bilder, die unsere Lebenswelt, unsere individuellen Welt-, Fremd- und Selbstverhältnisse mitstrukturieren. Den Begriff des Bildschirms kann man daher in Bezug auf Jacques Lacan auch von den konkreten technologischen Apparaturen ablösen und ihn als individuelles und kollektives Phantasma verstehen, das bildende und subjektivierende Funktion für das individuelle Subjekt hat. Lacan denkt dabei das Phantasma – in Differenz zur Phantasie und Vorstellung – als einen Schirm, den man selbst zwar nicht sehen kann, auf welchem sich aber alle wahrnehmbaren Repräsentationen einschreiben. Dieser Bild-Schirm ist keine ausschließlich individuell-imaginäre Formation; da er als Phantasma stets vom A/anderen mitgeprägt wird, hat er eine symbolische Seite, die sich zugleich trennend und verbindend zwischen Subjekt und Welt aufspannt. Er bietet so Möglichkeiten, die Kluft zwischen dem individuellen Subjekt und seinem fremden Gegenüber zu überbrücken, indem er ihm die Einnahme unterschiedlicher Subjektpositionen und damit gleichsam einen Weg in eine Intersubjektivität anbietet.
Der Vortrag fragt danach, wie sich die mit Lacan skizzierte bildende bzw. subjektivierende Funktion des Phantasmas zur stetig anwachsenden Zahl der Bildschirme der aktuellen digitalen Medienkultur und der damit einhergehenden Praxen der Produktion, Distribution und Rezeption von audiovisuellen Bewegungsbildern verhält. Lässt sich in diesem Zusammenhang noch von einem Phantasma individueller Subjekte sprechen oder haben wir es vielmehr mit Phantasmen dividueller Subjekte zu tun?

Dr. Manuel Zahn ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Erziehungs- und Bildungsphilosophie, Ästhetische Bildung, die Psychoanalyse und die Filmvermittlung. Derzeit arbeitet er an einem Forschungsprojekt über Pädagogiken des Films.

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Julia Ziegenbein
Über Zeitgeist und Gespenster
oder: Lieber Herr Pazzini, wat nu mit Bildung?

Welche künftige Kunstpädagogik stellen wir uns vor, wenn wir heute von Bildung vor Bildern sprechen? Welche Nachbilder eignen sich als Vorbilder und anders herum? Oder geht es auch um solche Bildungen, die etwa quer zu geradlinig verlaufenden Vorstellungen von Zeit überleben? Inkarniert sich da vielleicht immer wieder etwas neu?  Was meinen wir auch morgen noch mit aktueller Forschung, was mit innovativer Lehre? Wie wollen wir welches Verständnis von Bildung über die Zeiten hinweg fort leben? Und was kann das für den kunstpädagogischen Nachwuchs bedeuten?
Entlang ausgewählter Textstellen aus dem neu erschienenen Band, aber auch unter Berücksichtigung bereits während des Studiums markierter, herausgeschriebener und kommentierter Passagen aus anderen Publikationen wird eine Relektüre ausgewählter Schriften KJPs unternommen. Vorbildungen werden (re-)konstruiert, durchstöbert, überdacht und hinsichtlich ihrer Präsenz im Prozess der Entwicklung eigener kunstpädagogischer Fragestellungen neu befragt. Gewissermaßen in Anspielung auf Aby Warburgs Phantommodell geht es hierbei um die Suche nach dem, was von KJPs Forschung und Lehre besonders wirkungsvoll im Gedächtnis einer Vertreterin des so genannten kunstpädagogischen Nachwuchses spukt. Welche Vorprägungen lassen sich erkennen? Gibt es vielleicht Muster, gar Formeln zu erfinden? Allerdings werden weniger Ergebnisse oder Antworten auf Fragliches präsentiert, als vielmehr Erinnerungsfragmente auf ihr Nachleben hin weiterbefragt, während sie wiederentdeckt, ausgefaltet, entwickelt und fortgesponnen werden.

Julia Ziegenbein studierte Erziehungswissenschaft, Bildende Kunst und Germanistik in Hamburg und schloss 2011 ihr Studium mit dem 1. Staatsexamen für das Lehramt an der Oberstufe ab. 2008 erhielt sie ein kiss-Stipendium zur Realisation eines Vermittlungsprojekts zum Thema „Kunst und aktuelle Medienkultur“. 2011 war sie Lehrbeauftragte an der Universität Flensburg am Institut für Ästhetisch-Kulturelle Bildung. 2012 und 2013 leitete sie Veranstaltungen im Rahmen der ARTspringschool! der Universität zu Köln. Von September 2012 bis Dezember 2013 war sie dort am Institut für Kunst & Kunsttheorie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Rahmen des interdisziplinären Entwicklungsprojekts „Forschendes Lernen als Innovation der Lehre – Qualifikationen für zukünftige Lehrkräfte einer inklusiven Schule“ angestellt. Zudem hat sie ab Oktober 2012 bis September 2015 den in Köln neu eingeführten Lernbereich Ästhetische Erziehung als Lehrkraft für besondere Aufgaben unterstützt. Ab Oktober 2015 ist Julia Ziegenbein als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl Prof. Dr. Torsten Meyer angestellt.